Die Stiftung und die Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel haben in einem Jahresrundschreiben an die „herausragenden Ereignisse und Geschehnisse“ der Vereinsarbeit 2009 erinnert. In seinem Jahresbericht beleuchtet Andreas Ehresmann, Projektkoordinator Stiftung Lager Sandbostel, auch die Vorhaben und umfangreichen Projekte des Vereins im neuen Jahr.
Im Jahr 2009 sei „sehr viel und Richtungsweisendes passiert“, so Ehresmann. Die Fülle der Ereignisse, Veranstaltungen und Begegnungen seien „Ausdruck einer umfassenden und lebendigen Gedenkstättenarbeit“.
Mit dem „plötzlichen und unerwarteten Tod“ des Vorsitzenden Dr. Dietmar Kohlrausch habe der Verein Dokumentations- und Gedenkstätte Sandbostel im Frühjahr ein tragisches Ereignis hinnehmen müssen. „Wir sind sicher, dass das im Laufe des Jahres Erreichte ganz im Sinne von Dietmar Kohlrausch gewesen wäre“, sagte Ehresmann.
Das sichtbarste Ergebnis des vergangenen Jahres seien die 2009 abgeschlossenen Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen an dem bundesweit einmaligen historischen Barackenbestand. Die Dächer der ehemaligen Lagerküche wurden saniert, außerdem eine Latrine und vier historischen Unterkunftsbaracken wieder hergestellt. Insgesamt wurden 448.500 Euro in die Maßnahmen investiert.
Parallel zur laufenden Sanierung wurde ab April ein weiterer Förderantrag mit einem Volumen von 1.425.000 Euro erarbeitet. Im September stellte die Stiftung Lager Sandbostel im Rahmen der Gedenkstättenkonzeption des Bundes einen Antrag an den Bundeskulturstaatsminister Bernd Neumann.
„Die beantragte Finanzierung der Gesamtmaßnahme sieht eine 50-prozentige Förderung der Maßnahme in Höhe von 712.500 Euro durch den Bund und eine ebenfalls beantragte anteilige 50-prozentige Förderung durch das Land Niedersachsen, den Landkreis Rotenburg und zwei Stiftungen vor“, erläuterte Ehresmann. In dem auf drei Jahre angelegten Projekt sollen zwei neue Dauerausstellungen zur Geschichte des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Stalag X B Sandbostel und zur bisher kaum berücksichtigten Nachgeschichte des Lagers erarbeitet werden. Zu diesem Zweck sollen zwei Baracken umfangreich saniert werden. Die Fassaden der historischen Unterkunftsbaracken sollen instand gesetzt und ein Wegeleitsystem mit Informationstafeln erstellt werden.
Ehresmann: „Erfreulicherweise sind unsere Anträge in den wissenschaftlichen und politischen Gremien auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene auf viel Zustimmung gestoßen.“ Das Land Niedersachsen und der Landkreis Rotenburg hätten die Förderung bereits zugesagt. „Wir sind sehr optimistisch, dass auch vom Bund die Bewilligung in der beantragten Höhe erfolgen wird“, zeigt sich der Projektkoordinator optimistisch.
6 500 Besucher hat die Gedenkstätte im Jahr 2009 gezählt, fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. Darunter rund 2 000 Schüler, die die Gedenkstätte und den ehemaligen Lagerfriedhof im Rahmen schulischer oder außerschulischer Bildungsmaßnahmen besuchten.
Die produktive Zusammenarbeit zwischen dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (VDK) habe sich fortgesetzt, betonte Ehresmann. Über 260 Besucher kamen 2009 aus dem europäischen Ausland, wie beispielsweise aus Belgien, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Holland, Italien, Polen, Russland und Serbien, aber auch aus Australien, Hong Kong und den USA.
Die fachkundige Betreuung der verschiedenen Besuchsgruppen erfolgte meistens durch den Realschullehrer und pädagogischen Leiter der Gedenkstätte, Burkhard Rexin, sowie die Gästeführer Werner Zeitler, Hubert Sandmann und Alexandra Zeitler.
Im Rahmen der 2009 abgeschlossenen ersten Phase der Sicherungs- und Sanierungsmaßnahmen und des gestellten Antrages auf Förderung der Gedenkstätte im Rahmen der Gedenkstättenkonzeption des Bundes besuchten unter anderem der Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann (CDU), und der Stiftungsrat der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten unter Vorsitz der niedersächsischen Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) die Gedenkstätte.
„Beeindruckende Begegnungen gab es bei den Besuchen von Überlebenden und Angehörigen aus dem In- und Ausland, die hier ihrer Familienmitglieder, Freunde und Kameraden, die im Kriegsgefangenen- oder im KZ-Auffanglager umgekommen sind, gedachten“, sagte Ehresmann.
Mit dem regionalen Tourismusverband Rotenburg (Tou-ROW) bestehe eine enge Zusammenarbeit. „Ein wichtiger Aspekt der Arbeit in der Gedenkstätte Sandbostel ist nach wie vor die Beantwortung von Anfragen und die weitergehende Forschung zur Geschichte des Stalag X B“, betonte der Projektkoordinator weiter. Bemerkenswert und ein Indiz für die „zunehmende memoriale Präsenz“ der Gedenkstätte sei, dass sich 2009 die Anzahl der Anfragen nach dem Schicksal einzelner Personen mehr als verdoppelt habe.
2009 wurden insgesamt 60 Anfragen von Angehörigen und Behörden beantwortet. Die Schreiben kamen aus Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, dem ehemaligen Jugoslawien, den Niederlanden, Polen, der ehemaligen Sowjetunion und den USA.
Zahlreiche Wissenschaftler besuchten die Gedenkstätte im Rahmen ihrer Forschung. Die weiteste Reise hatte ein Experte aus Australien. „Besonders gefreut hat uns, dass die Schülerinnen Svenja Hüning und Sina Böhling vom St.-Viti-Gymnasium in Zeven mit ihrer Arbeit ,Widerstand im Nationalsozialismus – Eine Betrachtung von fünf Regimegegnern‘ beim Geschichtswettbewerb um den „Preis des Bundespräsidenten“ niedersächsische Landessiegerinnen in ihrer Altersklasse geworden sind und nun an dem Wettbewerb um die Bundespreise teilnehmen“, so der Architekt und Historiker.
Die pädagogische Arbeit mit Schülerinnen und Schülern sei eine wichtige Aufgabe. Der freigestellte Lehrer und pädagogische Leiter, Burkhard Rexin, habe deshalb „mehrere pädagogische Handreichungen“ erarbeitet.
Mit der Heinrich-Behnken-Schule Selsingen sei eine weitergehende Kooperation vereinbart worden. Die Geschichte des Stalag X B sei fester Bestandteil des Lehrplanes.
Ein wichtiges pädagogisches Projekt der Stiftung Lager Sandbostel und des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist ein Namenstafel-Projekt: Der Toten auf dem ehemaligen Lagerfriedhof – der heutigen Kriegsgräberstätte Sandbostel – soll namentlich gedacht werden.
Auch 2009 seien der Gedenkstätte wieder verschiedene Objekte und Artefakte übergeben worden, die aus der Umgebung der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel stammten, sagte Ehresmann. Die Schenkungen würden in die neuen Dauerausstellungen integriert und zeigten, dass die Gedenkstätte in der Region als Einrichtung ernst genommen werde.
„Herausragend waren auch in diesem Jahr wieder die verschiedenen Kultur- und Gedenkveranstaltungen“, so der Koordinator weiter. Beispielhaft nannte er die mit jeweils über 200 Teilnehmern sehr gut besuchten Gedenkveranstaltungen anlässlich des 64. Jahrestags der Befreiung des Lagers im April.
Im September beteiligte sich die Gedenkstätte zum vierten Mal am bundesweiten „Tag des offenen Denkmals“ der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. 550 Besucher kamen aus ganz Norddeutschland.
„Im Dezember fand in Bremervörde und in der Gedenkstätte Sandbostel die diesjährige Außenlagertagung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme statt“, berichtete Ehresmann. „Die 36 Teilnehmer zeigten sich beeindruckt von dem bundesweit einmaligen Holzbarackenbestand und den Fortschritten, die die Gedenkstätte seit dem Beginn ihrer Tätigkeit auf dem Stiftungsgelände gemacht hat.“ Auch auf externen Vorträgen und Veranstaltungen informieren Ehresmann und die Mitarbeiter regelmäßig über die Geschichte und Nachgeschichte des Stalag X B.
Auf Initiative des pädagogischen Leiters der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel, Burkhard Rexin, wurde im Juni die Biografie des ehemaligen belgischen Kriegsgefangenen Roger Cottyn neu aufgelegt. Im Herbst 2009 wurde das bisherige – veraltete – Informationsfaltblatt zur Gedenkstätte aktualisiert und neu aufgelegt. Darüber hinaus wurde zur besseren Orientierung auf dem ehemaligen Lagergelände ein weiteres Informationsfaltblatt zur heutigen Topografie erstellt. „Beide Faltblätter sind in sechs Sprachen übersetzt und richten sich auch an die internationalen Besucher“, sagte der Projektkoordinator.
Auch in 2009 seien diverse Publikationen erschienen, in denen die Gedenkstätte Sandbostel mit Beiträgen vertreten ist oder erwähnt wird.
„Mehrere Gruppen haben uns ehrenamtlich bei den Bemühungen um die Gestaltung und den Erhalt der Gedenkstätte geholfen“, bilanzierte Ehresmann. „Bei drei Arbeitseinsätzen unterstützte uns die Reservistenkameradschaft Zeven.“
Im Juli richtete der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Sandbostel das dritte Internationale Jugendworkcamp in der Gedenkstätte Sandbostel aus. Mit 33 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Belarus, Deutschland, Estland, Kirgisien, Moldawien, Polen und Russland war das Workcamp sehr gut besucht. „Neben Seminaren und Workshops halfen die Jugendlichen an mehreren Tagen mit Pflege- und Aufräumarbeiten, die Gedenkstätte zu gestalten und zu erhalten“, so Ehresmann. Sichtbares Zeugnis sei eine vollständig freigelegte Wegequerung, die nunmehr die bequeme Erschließung des Gedenkstättengeländes ermöglicht.
„Im weiteren Rahmen des Workcamps fanden Zeitzeugengespräche mit dem ehemaligen belgischen Kriegsgefangenen Roger Cottyn und Ruth Gröne, der Tochter des in Sandbostel gestorbenen Neuengammer KZ-Häftlings Erich Kleeberg, statt“, erläuterte der Architekt und Historiker.
Am 1. September 2009 jährte sich der Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen zum 70. Mal. Drei Wochen nach Kriegsbeginn, am Morgen des 25. September 1939, wurden die ersten 3 000 polnischen Kriegsgefangenen in das noch in Aufbau befindliche „Kriegsgefangenen- Mannschafts-Stammlager X B Sandbostel“ gebracht.
Die Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel nahm den 70. Jahrestag zum Anlass, in mehreren Veranstaltungen an das Schicksal der polnischen Kriegsgefangenen zu erinnern.
Bei den Mitarbeitern der Dokumentations- und Gedenkstätte Lager Sandbostel haben sich 2009 erneut einige Veränderungen ergeben, berichtete Ehresmann. Nach dem Tod von Dr. Dietmar Kohlrausch hat dessen langjähriger Weggefährte, Dr. Klaus Volland, die kommissarische Leitung des Gedenkstättenvereins übernommen.
Neben dem pädagogischen Leiter der Gedenkstätte, Burkhard Rexin, engagieren sich drei Gästeführer als fachkundige und engagierte Betreuer von Besuchergruppen und Schulklassen. Vier Kollegen unterhalten im Rahmen von so genannten Ein-Euro-Maßnahmen mit hohem persönlichen Engagement das Außengelände der Gedenkstätte.
Wolfgang Sellner betreut die Bibliothek und das Archiv und sorgt „in vielfältigsten Funktionen für einen reibungslosen Betrieb in der Gedenkstätte“, lobte Ehresmann.
Darüber hinaus gebe es viele Mitglieder, die in hohem Maße ehrenamtlich tätig seien. „An erster Stelle und herausgehoben sind hier Karl-Heinz Buck zugleich Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lager Sandbostel, und darüber hinaus die Vorstandsmitglieder des Gedenkstättenvereins, Dr. Klaus Volland, Detlef Cordes, Peter Matthiesen, Imke Berg und Wolfgang Scherf zu nennen“, betonte der Projektkoordinator. Ferner dankte er den stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Lager Sandbostel, Helmut Neiß und Holger Blank, sowie den Vertretern der Gemeinde Sandbostel, Peter Radzio und Clement Poppe, die die Gedenkstätte über das Jahr immer wieder mit Rat und Tat unterstützt hätten, ebenso wie Kurt Ringen von Pro Europa sowie John Cramer und Jan Effinger vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die die Gedenkstättenarbeit vielfältig unterstützt hätten. (bz)
29. April: 65. Jahrestag der Befreiung des Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Sandbostel mit dem Programmschwerpunkt Frankreich. Das genaue Programm wird noch bekannt gegeben.
16. bis 30. Juli: Vierte Internationale Jugendbegegnung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Sandbostel. Im Rahmen des Jugendworkcamps wird es wieder mehrere öffentliche Veranstaltungen und eine Gedenkveranstaltung geben. Das genaue Programm wird noch bekannt gegeben.
12. September: Tag des offenen Denkmals (10 bis 17 Uhr)
Öffentliche Sonntagsrundgänge: 10. Januar, 14. Februar, 14. März, 11. April, 9. Mai, 13. Juni, 11. Juli, 8. August, 12. September, 10. Oktober, 14. November und 12. Dezember, jeweils von 13 bis 15 Uhr. Die Ausstellung ist von 12.30 bis 17 Uhr geöffnet.
Die Gedenkstätte Sandbostel hat nationale Relevanz
Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien im Bundeskanzleramt