
Susanne und Hajo Morgenstern begrüßten etwa 50 literatur- und heimatgeschichtlich interessierte Gäste. Das von ihnen in vierter Generation geführte Unternehmen feiert in diesem Jahr 125-jähriges Bestehen. Im Rahmen des Jubiläums fand auch Brandts Buchvorstellung statt.
Vor zwei Jahren hat der Autor in der Reihe „Deutschland im Aufbruch“ des Geiger-Verlages bereits einen Bildband über das Bremervörde der 60er Jahre veröffentlicht. Die 50er Jahre habe er eigentlich gar nicht mehr anfassen wollen. „Alles, was es an emotionaler Bindung und Stadtgeschichte dieser Zeit zu berichten gäbe“, habe er in seinem Buch „Ecke Brackmannstraße“ verarbeitet, so Brandt. Aber es kam anders: Auf vielfache Nachfrage interessierter Leser, liege nun das neue Buch vor. Das Werk erfülle nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, betonte Brandt. Eine solche Arbeit erfordere „Mut zur Lücke“. Dennoch: Es lohne sich, sich mit der Geschichte auseinander zu setzen.
Informativ und unterhaltsam berichtete der Chronist aus dem Inhalt des neuen Werkes, für das er vorwiegend im Kreisarchiv und im Archiv der Bremervörder Zeitung recherchierte. Brandt hat zehn Jahre Stadtgeschichte eingebettet, sowohl in die deutsche Geschichte als auch in den „weltgeschichtlichen Rahmen“. Sein Buch befasst sich mit einer Zeit, in der „kaum einer die Kraft besaß, sich voller Zweckoptimismus nach vorn zu orientieren“, wie er sagte. Jede Familie sei geprägt gewesen „vom gerade zu Ende gegangenen, fürchterlichen Zweiten Weltkrieg“. Deutschland war gevierteilt: „Eine welthistorisch einmalige Situation“, aus der gleichwohl die „nationalökonomische Meisterleistung“ Wirtschaftswunder erwuchs, sagte Brandt.
Durch die Vielzahl von Flüchtlingen war die Einwohnerzahl in der damaligen Kreisstadt Bremervörde von 4 000 auf 8 500 gestiegen. Neue Siedlungen wurden ausgewiesen: Am Mahlersberg, am Stephansplatz und in der Harsefelder Straße wurde im Rahmen des so genannten „Barackenräumungsprogramms“ angemessener Wohnraum für die Neubürger geschaffen.
Mammutprojekte des von Brandt untersuchten Jahrzehnts waren unter anderem die Umbettung der Oste und der Anschluss der Innenstadt ans neue Kanalisationssytem (O-Ton Brandt: „Vorbei war‘s mit den Pütten“).
Der Autor erinnerte an die Eingliederung Engeos, den Bau der Badeanstalt und „den ungebremsten Nachholbedarf der Bürger an Freizeitgestaltung“. Ein Hotelzimmer im Bremervörder Hof kostete damals drei Mark pro Tag inklusive Verpflegung, für 50 Pfennig konnte man den Mitgliedern des „Wickinger Box Clubs“ beim „Boxen ohne Deckung“ zusehen, und das damalige Pflaster in der Neuen Straße sei zur Freude der Autoschlosser „rutschig wie Seife“ gewesen, so Brandt.
Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt Bremervörde, Erich Gajdzik, bezeichnete Rainer Brandt als einen Menschen voller Tatkraft, der sich durch seine große Verbundenheit zu seiner Heimatstadt und den Menschen auszeichne. Brandt sei ein wichtiger und engagierter Bürger der Stadt, der das kulturelle und gesellschaftliche Leben Bremervördes beeinflusse und fördere. „Wir sind gespannt, was wir in Zukunft von dir hören“, sagte Gajdzik.
Soviel mochte Brandt immerhin verraten: „Wenn wir alle das wollen“, erscheine in zwei Jahren ein Buch über die 70er Jahre.