
Jugendliche vor der Jahrhundertwende wurden mit sich und ihren Fragen zu Körper, Liebe und Lust allein gelassen. Sexualität war allein Eheleuten vorbehalten. Offen gesprochen wurde über das Thema kaum.
Eigenständigkeit kannte man damals nicht. Es gab nur selten Momente, in denen Jugendliche unter sich waren, denn an fast allen Arbeits- und Freizeitaktivitäten nahmen sie gemeinsam mit ihren Eltern teil. So wurde auch Heiratswerbung oder Schwangerschaft in der Familie diskutiert.
Der Sexualkunde-Unterricht hatte damals wenig mit dem heutigen Sexualunterricht oder der Sexualerziehung zu tun. Es ging in erster Linie um Fragen der Fortpflanzung. Mit Beginn der Industrialisierung war eine immense Bevölkerungsexplosion einhergegangen. Diese zog wiederum hygienische Probleme nach sich. Sexualkrankheiten machten sich breit. Diese in den Griff zu bekommen, war ebenso Ziel bei der Einrichtung des Sexualunterrichts wie die Geburtenkontrolle.
Heute wird in Schulen viel Wert auf Sexualunterricht gelegt, denn wer die eigenen Gefühle versteht, kann auch die der anderen besser einordnen. Das ist die Auffassung heute. „Man könnte theoretisch ein Dreivierteljahr nur Sexualunterricht erteilen, so vielschichtig ist das Thema“, erzählt Jens Klein (Foto). Seit zwölf Jahren unterrichtet er Deutsch, Biologie und Chemie an der Findorff-Realschule in Bremervörde. Meist wird Sexualunterricht im Biologieunterricht als Thema behandelt, so Klein im Gespräch mit der BZ. Es sei jedoch keine Seltenheit, dass auch im Fach Politik Sexualunterricht in einem anderen Zusammenhang gegeben wird. „Eine Kollegin von mir sprach mit ihrer Klasse über Pornografie und die Darstellung der Frau“, erklärt Klein. Auch in diesem Zusammenhang kann Sexualunterricht stattfinden.
In der Grundschule oder in der fünften beziehungsweise sechsten Klasse haben die Kinder das erste Mal Sexualunterricht. Teilweise wird dieser auch schon im Kindergarten erteilt. Die Kleinen werden mit Themen wie Fortpflanzung, Schwangerschaft, Geburt und die körperlichen Unterschiede vertraut gemacht. Die Frage „Wo komm ich eigentlich her?“, steht im Mittelpunkt der Unterrichtseinheit. „In diesem Alter sind die Kinder noch empfänglicher für solche Themen“, erklärt der 43-jährige Realschullehrer.
In der neunten Klasse wird auf das Wissen aufgebaut. Hier geht es primär um Familienplanung, Verhütung und Verantwortung übernehmen. „Intensiv werden die Schüler dabei mit dem Thema AIDS konfrontiert“, berichtet Klein. Manchmal müsse der Aufklärungsunterricht getrennt verlaufen, da Jungen und Mädchen zusammen nicht empfänglich genug für dieses Thema seien. „Meist ist das Interesse jedoch besonders groß“, erklärt Klein und muss lächeln.