Das Recht der ersten Frage ging am Dienstag an den „Chef“ der Haaßeler Bürgerinitative, Friedhelm Winkelmann. Der bedankte sich erstmal für die sachliche Atmosphäre (fast) ohne persönliche Angriffe auf die Familie Kriete. „Falls das doch passiert ist, möchte ich mich dafür entschuldigen.“ Winkelmann bat um Verständnis für Entgleisungen und versuchte sie zu begründen: „Eltern fürchten um die Gesundheit ihrer Kinder, Hausbesitzer um den Wert ihrer Immobilien, Landwirte um ihre Flächen, alle zusammen fürchten um ihre Umwelt!“ 2 000 Unterschriften in so kurzer Zeit, sagte Winkelmann, würden die Ablehnung gegen eine Deponie untermauern.
Mit dem Mount Everest verglich der ehemalige Besitzer des Grundstückes die geplante, 30 Meter hohe Anlage und wollte wissen, wie eine laut Planung 2,5 Millimeter dicke Plastikfolie das aushalten soll. „Sie wollen mir doch nicht erzählen, dass die nicht reißt!“, meinte er in Richtung Planer Schnibben. Der bestätigte, dass weiche Böden abgetragen werden müssten um einen festen Untergrund zu schaffen.
Auch Selsingens Gemeindebürgermeister Reinhard Aufdemkamp beteiligte sich: „Sie haben doch mitgekriegt, wie die sonst so ruhigen Selsinger über die Deponie denken“, sagte er in Richtung Heiner Kriete: „Nennen Sie einen Grund, warum sich auch nur einer eine Bauschutt-Deponie wünschen sollte? Wo soll der Bedarf sein?“ Heiner Kriete „In Selsingen wird doch demnächst ein neues Rathaus gebaut. Dafür muss ein Bauernhof mit belasteten Baustoffen weichen. Das wäre ein Beispiel.“
Der Inhaber der Firma Kriete antwortete nicht auf persönliche Angriffe („Nicht mal Euer Vater will diese Deponie. Wie stellt Ihr Euch Eure Zukunft in Selsingen vor?“). Er machte signalisierte, in Sachen der einzulagernden Stoffe verhandlungsbereit zu sein und sich mit den Bürgerinitiativen an einen Runden Tisch zu setzen. Die Stimmung blieb dennoch aufgeheizt. Beispielsweise, als Reinhard Lindenberg, ein benachbarter Haaßeler Landwirt, auf eine falsche Standsicherheitsuntersuchung aufmerksam machte. „Das haben Sie gut beobachtet“, musste Planer Schnibben leicht zähneknirschend einräumen und erntete dafür den Spott einige Zuhörer. Schnibben: „Da haben Sie recht. Anlage 13 enthält noch die Berechnung für die ursprünglich geplante Hausmülldeponie. Für den Bauschutt mit einer höheren Dichte müssen neue Berechnungen angestellt werden.“
Ein weiterer Zuhörer wollte wissen, wie „man einem Betreiber trauen soll, der dem Landkreis die doppelte Menge Bauschutt unterjubeln will“. Anderlingens Bürgermeisterin Irene Barth fragte, ob angesichts des nur für die 10,7 Hektar große Fläche geltenden Antrags auf Betreiben einer Deponie nicht das Zielabweichungsverfahren neu durchgeführt werden müsse. „Wo bleibt der Mensch?“, fragte Meike Gerken. Cornelia Postels, Landwirtin aus Haaßel gab zu bedenken: „Wo bleibt das Wasser, wenn es mal drei Wochen regnet?“ und führte zudem an: „Warum fragen Sie nicht mal die örtlichen Anlieger, die dreimal in der Woche durch Feld und Wiesen laufen, was da noch so rumläuft an Tieren? Da gibt es Schlangen, Kiebitze und Bekassine.“
Manche Frage blieb unbeantwortet am Dienstagabend. Dennoch wusste wohl jeder der Teilnehmer hinterher ein wenig mehr über die geplante Deponie. Selbst der viel angegriffene Heiner Kriete von der Seedorfer Betreiberfirma Kriete Kaltrecycling zeigte sich im BZ-Gespräch zufrieden mit dem Abend: „Die Atmosphäre war bis auf wenige Ausnahmen sachlich. Das ist ein komplexes Thema. Ich würde mich freuen, wenn unser Unternehmen, Bürgerinitiative, Planer, und Landkreis an einem Runden Tisch zusammen kommen würden.“