„Deutschland hat einen Präsidenten wie Joachim Gauck verdient“, freut sich der FDP-Bundestagsabgeordnete Serkan Tören über die Entscheidung am Sonntag. Gauck sei menschlich integer, ein freier und ungebundener Geist und stehe mit seiner Biografie für das große Thema Freiheit.
Tören ist überzeugt: „Er kann Menschen zusammenführen und ermuntert sie, sich für unser Gemeinwesen zu engagieren. Er wird sich auch in seiner neuen Funktion für die innere Einheit zwischen Ost und West sowie für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund einsetzen. Das wird unserem Land gut tun.“
Schon bei der letzten Wahl habe es viele Liberale gegeben, die für Gauck gestimmt hätten. „Mit seinem Wertekompass, seinem Einsatz für Freiheit, für Eigenverantwortung und für die Marktwirtschaft spricht er uns aus dem Herzen“, stimmt der Stader Abgeordnete ein Loblied auf das künftige Staatsoberhaupt an.
Die Frage, ob die Kanzlerin durch das Vorgehen der FDP beschädigt sei, umschifft Tören: „Jetzt geht es darum, wie man dem höchsten Staatsamt wieder Gewicht und Respekt verschaffen kann. Gauck ist der ideale Kandidat, um Vertrauen bei den Bürgern wieder zu gewinnen.“
Reinhard Grindel, der im Sommer 2010 für Christian Wulff eintrat („er wird ein guter Bundespräsident sein, auf den wir Niedersachsen stolz sein können“) kündigt an, „mit großer Überzeugung“ Gauck seine Stimme geben zu wollen. In einem Gespräch mit dem Kandidaten, das er vor einiger Zeit führte, habe er einen sehr positiven Eindruck gewonnen. Grindel weiter: „Angesichts der politischen Rahmenbedingungen dieser Wahl ist er der richtige Kandidat, der für christliche Werte und liberal-bürgerliche Überzeugungen steht.“
Der Christdemokrat glaubt, dass das Eintreten der FDP Auswirkungen auf die künftige Regierungsarbeit in Berlin haben wird: „Die Menschen wollen Ergebnisse sehen und nicht Koalitionsstreit. Gauck ist bei den Menschen beliebt und geachtet. Insoweit haben wir ein gutes Ergebnis. Ich rate sehr dazu, innerhalb der Koalition nicht nachzukarten“. Verhaltene Kritik übt Grindel an der Kanzlerin: „Sie sollte in Zukunft mehr in die Fraktion hineinhören“, rät er Angela Merkel. Für die Regierungschefin gelte aber das „Albatros-Prinzip“: Formschön war die Landung nicht gewesen, dafür aber sicher. Insofern werde Merkel auf Dauer nicht geschwächt sein.
„Mein Vertrauen und meine Unterstützung hat Herr Gauck. Als er sich damals in der Fraktion vorstellte, habe ich ihn als guten Mann erlebt“, reagierte der CDU-Kreisvorsitzende Hans-Heinrich Ehlen gestern auf BZ-Anfrage zur Nominierung Gaucks. „Dass ich seinerzeit eine größere Nähe zu Wulff gehabt habe, wird gewiss jeder verstehen“, fügte Ehlen hinzu, zumal er auch mit Wulff befreundet sei. In der Zeit der Wende in Deutschland habe sich Gauck großen Respekt verdient und eine tragende Rolle gespielt, sagte der ehemalige Landwirtschaftsminister außerdem. Auf die Frage, ob die Nominierung Gaucks die Kanzlerin beschädigt habe, sagt Ehlen: „Frau Merkel hat allenfalls eine kleine Schramme davon getragen. Die Kanzlerin hat schon ganz andere Stürme überstanden. Sie steht über den Dingen.“ Im Übrigen gehörten Kompromisse und die Fähigkeit, auch mal einzulenken, zum politischen Geschäft, sagte Ehlen.
„Yes, wie Gauck! Ein kritischer und gelegentlich unbequemer Bundespräsident Joachim Gauck wird der politischen Kultur in unserem Land sicher gut tun“, reagiert der SPD-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Ralf Borngräber gestern auf die Nominierung Gaucks. „Frau Merkels indirektes Eingeständnis, mit Wulff einen Personalfehler gemacht zu haben, wird ihr wahrscheinlich nicht sehr übel genommen. Sie sitzt Probleme gelegentlich aus und ist wie so oft – Beispiel Atompolitik – zunächst auf der falschen Fährte gewesen. Innerparteilich kann es in der CDU noch knirschen“, vermutet Borngräber.
Mit Merkels Rolle beim „Präsidenten-Karussell“ setzte sich gestern auf BZ-Anfrage auch die Grünen-Landtagsabgeordnete Elke Twesten aus Scheeßel auseinander. „Frau Merkel hat wirklich die allerletzte Chance wahrgenommen, die ihr die Opposition noch eingeräumt hat.“ Von der Persönlichkeit Gaucks zeigte sich Twesten tief beeindruckt. „Ich hatte am Rande des Sparkassen-Tages in Hannover die Gelegenheit, Herrn Gauck näher kennen zu lernen. Wir hatten ein längeres Gespräch – auch über persönliche Dinge. Seine Nähe zum Menschen und seine Fähigkeit, Vertrauen auszustrahlen und aufzubauen, haben mich fasziniert.“