Mittwoch, 10. August 2022

Auch mit 80 ein sportlicher Tausendsassa

Gnarrenburg. Die Überraschung ist ihnen gelungen. „Ich war total baff, als sie hier alle vor der Tür standen“, sagt Werner Stelljes. Bald einen Monat ist es her, dass ihn die Freunde vom Gnarrenburger Lauftreff besuchten und dem Gründungsmitglied zum 80. Geburtstag gratulierten. Im Gepäck hatten die Sportlerinnen und Sportler um Ralf Rimkus nicht nur einen Präsentkorb, sondern auch eine Stellwand mit Schuhen drauf, die nun seit dem 23. Juni den Vorgarten ziert.

Es ist wohl nicht übertrieben, Werner Stelljes als Gnarrenburger Laufidol zu bezeichnen. Mehr als zwei Jahrzehnte gehörte er in der Gemeinde zu den aktivsten und erfolgreichsten Ausdauersportlern. Dabei begann er damit erst intensiver in einem Alter, in dem andere schon ans Aufhören denken – mit fast 60. An beinahe jedem Wochenende war er ab 1998 auf Wettkämpfen unterwegs – in Deutschland, in Europa und zweimal auch in den Vereinigten Staaten.

Die gewonnenen Urkunden, Medaillen und Pokale kann er kaum mehr zählen. Die Wände in einem extra dafür eingerichteten Raum in seinem Haus hängen voll damit, drei komplette Ordner prall gefüllt mit Startnummern, Fotos und anderen Erinnerungen stehen außerdem im Regal. Allein 25 Kreisrekorde in unterschiedlichen Laufdisziplinen in den Altersklassen M60 bis M75 hat er aufgestellt, ebenso wie drei Bezirksrekorde.

„In den Bestenlisten bis auf Landesebene sind seine Rekorde auf der Mittel- und Langstrecke das Maß der Dinge und haben noch heute Bestand. Dafür wurde er zweimal als ,Sportler des Jahres‘ beim TSV Gnarrenburg ausgezeichnet“, weiß Lauftreffleiter Ralf Rimkus.

Sport hat immer eine ganz wichtige Rolle gespielt im Leben von Werner Stelljes. 30 Jahre hat er Tischtennis in Hambergen, Brillit und später in Gnarrenburg gespielt. Er war Jugendfußballtrainer und Leichtathletikbetreuer seiner Söhne Jens und Sascha und kam selbst erst spät zum Fußball, als er mit über 32 Jahren bei den Gnarrenburger Altherren zu kicken begann.

Doch dann der Bruch – von einem Tag auf den anderen: Stelljes zog sich eine Knieverletzung zu und aus dem Sport zurück. „Zehn lange Jahre“, wie er rückblickend sagt. „Ich wurde sehr schnell total übergewichtig“, erinnert er sich. Wer den 80-Jährigen heute sieht, kann sich das kaum vorstellen. Kein Gramm Fett zu viel ist dran an dem sportlich-schlanken und drahtigen Rentner.

Und wie hat er zurück zum Sport gefunden? Startpunkt seiner größten sportlichen Leidenschaft, dem Laufen, war der Ostseestrand. „Als ich im Campingurlaub eines morgens mit dem Hund unterwegs war und mit ihm gelaufen bin, hab ich plötzlich festgestellt, dass ich schmerzfrei war“, erinnert sich Stelljes an diesen Tag vor über 20 Jahren. Der Ehrgeiz war plötzlich wieder da – und noch größer als ohnehin schon. Er kaufte sich Laufschuhe, stellte die Ernährung um, verzichtete von da an bis heute auf jeglichen Alkohol und lief einfach los. „Von da an ging’s bergauf“ und mit den Körper-Kilos in kurzer Zeit runter. Innerhalb eines Jahres hatte sich der Gnarrenburger so fit gemacht, dass er in Wellen im Nachbarkreis Cuxhaven seinen ersten Marathon laufen konnte. 16 weitere folgten, darunter unter anderem auch jener bei der Europameisterschaft in Potsdam, den er 2002 in der Altersklasse M60 als Achter beendete. Besonders stolz ist er aber auf Platz vier in seiner Altersklasse beim Marathon in Chicago 2014. Auch der Start 2012 beim berühmten Boston-Marathon bleibe ihm für immer im Gedächtnis. „Mit deutschen Veranstaltungen ist das gar nicht zu vergleichen. Alles viel größer, viel gewaltiger organisiert“, weiß Stelljes.

Der Gnarrenburger hat sich aber nicht nur auf der Königsdisziplin über 42 Kilometer wohlgefühlt, sondern auch auf den Mittelstrecken. Auf dem Sportplatz – keine 200 Meter von seiner Haustür entfernt – lief er Tausende Runden, teils sogar spät abends oder nachts nach der Arbeit oder privaten Verpflichtungen. Stelljes trainierte sowohl für den Marathon als auch für die 5 oder 10 Kilometer. Zu den größten Erfolgen gehören Platz neun bei Senioren-DM, Rang Sieben über 5.000 Meter bei der EM im dänischen Arhus oder Platz sechs bei der Cross-DM im Bremen.

„Auf Landesebene war ich eigentlich immer ziemlich weit vorn dabei. Ein gewisser Ehrgeiz ist mir wohl angeboren. Dafür kann ich ja nichts“, schmunzelt der 80-Jährige. „Werner ist ein Sportler, der seinen Sport lebt. Es gab für ihn nie halbe Kraft, selbst im Training hat er alles gegeben. Auch wenn Laufen nicht unbedingt ein Teamsport ist, so hat Werner immer für die Abteilung gelebt und auch für den Letzten anerkennende Worte gefunden und dazu beigetragen, dass wir heute so gewachsen sind und im Kreis der größte Lauftreff sind“, sagt Ralf Rimkus.

Allein mit dem Laufen hat sich der sportverrückte Gnarrenburger allerdings nicht zufriedengegeben. Mit dem Renteneintritt kamen Radsport und auch Triathlon hinzu. Allein die Hamburger Cyclassics ist er acht Mal gefahren, und hat sie einmal sogar als Sieger seiner Altersklasse über die 150 Kilometerdistanz beendet.

Apropos beendet: Seine Wettkampf-Laufbahn musste er vor drei Jahren auf Eis legen – auf ärztlichen Rat. „Ich habe einen Haltungsschaden an der Halswirbelsäule. Die Erschütterungen beim Laufen sind da Gift, und ich konnte den Kopf kaum noch bewegen“, berichtet er. Und er erzählt auch, wie schwer die erste Zeit danach für ihn war. „Ich bekam Herzrhythmusstörungen, konnte schlecht schlafen“, berichtet Stelljes. Doch Aufgeben ist nicht seine Sache.

Nach einigen Monaten und starken Schmerzen ging es ihm wieder viel besser, der Sport kehrte mit knapp 78 Jahren wieder in sein Leben zurück. Zwar habe er die Laufschuhe, wie das Geburtstagsgeschenk der Lauftrefffreunde zum Ausdruck bringt, an den berühmten Nagel gehängt, doch rastlos ist er weiterhin. Sein tägliches Fitness-Programm mit jetzt 80 Jahren: mit den Vögeln aufstehen, früh morgens sechs Kilometer Walking durchs nahe Waldgebiet Eichholz, danach 20 Minuten Gymnastik und anschließend 50 bis 90 Kilometer Radfahren – „bei jedem Wetter“, wie Werner Stelljes betont. Seiner Frau Karin, mit der er seit 1968 verheiratet ist, ist er für die Freiheiten, die sie ihm gibt, dankbar: „Sie musste viel entbehren, aber sie hatte immer Verständnis für mich und meinen Sport“.

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