Samstag, 20. April 2024

Die Sorgen des Jugendfußballs

Schwere Zeiten für Jugendspielgemeinschaften und Vereine. Die SG Geestequelle, JSG Oste, JSG Gnarrenburg, der JFV Concordia und der Bremervörder SC kämpfen, wie fast überall in der Republik, um die Gunst des Nachwuchses. Es gehen immer mehr Fußball-Kinder „verloren“, die Zahl der Teams sinkt stetig – auch im Norden des NFV-Kreises Rotenburg.

Die SG Geestequelle schickte in guten Zeiten 154 Kinder in die Wettkämpfe und das von der D- bis zur A-Jugend. „Ich habe 2011 die Aufgabe übernommen und konnte auf einen großen Pool von Kindern bauen. Da musste ich nicht einmal um Trainer und Betreuer kämpfen“, erinnert sich Obmann Michael Voss, der auf die Hilfe aus der eigenen Familie baut. „Die steht voll hinter mir und unterstützt mich in vielen Dingen“, hebt der 54-Jährige hervor. So kümmert sich Tochter Patricia um die U10 und Janina spielt zwar selbst, unterstützt wann immer es notwendig ist. Und wenn Bedarf ist, greift Sohn Kevin zur Pfeife. „Es ist schon ein Segen, dass sich meine Frau um viele administrative Dinge kümmert, wie zum Beispiel das Erstellen der Spielpläne. Der Verkauf liegt zum Beispiel in den Händen unseres Sohnes Marvin“, berichtet Voss.

Es sei schon beängstigend, dass gerade einmal 66 Kinder Lust auf Fußball haben. Die größte logistische Herausforderung sind die Strecken innerhalb der JSG, was viele Eltern vom Fahrdienst abschreckt. „Wenn der Trainer aus Alfstedt kommt, wird dort trainiert und gespielt. Die einfache Strecke zum Training sind mal eben 30 Kilometer. Da verstehe ich die Sorgen der Eltern schon, wenn es um die Benzinkosten geht“, sagt Michael Voss. Der Jugend-Obmann sieht im „Jugendteam-Sterben“ unterschiedliche Gründe. „Die Sport-Angebote sind für Kids megagroß“, so der 54-Jährige. Dabei erhofft sich doch jeder Verein aus der Nachwuchsarbeit Verstärkung für die Herrenteams. Doch die Wünsche werden nicht wirklich erfüllt.

JSG Oste meldet im Winter U 18 ab

„Ich habe gerade unsere U18 abgemeldet. Die Mannschaft ist aufgrund von Personalmangel in drei von acht Spielen nicht angetreten“, ärgert sich Obmann Torsten Gerken. Die JSG Oste sei personell nicht wirklich gut aufgestellt, denn gerade einmal vier „ältere“ Jahrgänge nehmen am Spielbetrieb teil. „Das schaut nicht gut aus. Doch bei der U7, U9 und U10 haben wir einen guten Zulauf. Zudem sind wir gut mit Betreuern besetzt und haben in Heiko Imbusch unseren dienstältesten Unterstützer. Der ist gefühlte 20 Jahre dabei und kümmert sich auch rührig um Dinge außerhalb des Platzes“, betont Gerken. Die Anzahl der lizenzierten Trainer geht dabei gegen Null. „Mit mehr Fachkompetenz wäre die Ausbildung eine ganz andere und die Kids würden sich kontinuierlich weiter entwickeln“, so Gerken, der sich gefühlt schon eine Ewigkeit als Trainer einbringt.

Als Obmann agiert er in seiner dritten Amtsperiode. „Die Zusammenarbeit mit den Muttervereinen ist richtig gut. Elm ist dabei federführend, macht einen super Job“, lobt der Glinder. Und er richtet dann noch den Blick auf manche Spieler und Eltern. „Die Älteren wollen lieber Party machen, statt trainieren und kicken. Und es ist bedauerlich, dass viele Eltern nicht wirklich hinter dem Hobby ihrer Kinder stehen. Die chauffieren die Kids zum Training oder Spiel, zeigen aber wenig Interesse dafür, was auf dem Platz passiert und sie sind schnell wieder weg. Das ist sehr schade“, bemerkt Torsten Gerken.

Herausforderungen auch beim JFV Concordia

Dass Nachwuchsarbeit zur Herausforderung werden kann, weiß auch Mats Baur, der vor knapp vier Spielzeiten bei der Concordia als U 14-Trainer einstieg. Der 29-Jährige betreut derzeit die U18 und weiß, dass es immer schwieriger wird, Spieler für den Fußball zu gewinnen. „Eigentlich erwarte ich, dass wir von der U 12 bis U 18 auch zweite Mannschaften in den Spielbetrieb schicken. Doch die Sache ist längst nicht mehr zu leisten. Das Sportangebot ist halt recht vielfältig und der Fußball für Kinder nicht mehr unbedingt die Nummer eins“, bemerkt Baur.

Und auch um engagierte Trainer muss der Verein kämpfen, die den Spielern ein gutes und attraktives Umfeld bieten. „Ich finde, dass der Fokus schon mehr auf die Trainerausbildung gelegt werden sollte, damit die Kinder über gute Inhalte gefördert werden“, so Baur, der es gerne gesehen hätte, wenn seine Kicker nach der Saison in die U19 wechseln würden. Das passiert nicht, die Truppe löst sich im Sommer auf und wechselt in den Herrenbereich. Das gehört längst zum Alltag im Jugendbereich, und U19-Teams sterben mehr und mehr aus. „Dass sich der Verein in Absprache mit dem Trainerteam und allen Spielern so entschieden hat, hat verschiedene und verständliche Gründe“, sagt Baur, der zum Saisonende seine Trainertätigkeit beenden wird.

Concordia hat aktuell acht Teams (C- bis A-Jugend/Bambinis bis E sind in den Muttervereinen eingebunden) im Spielbetrieb, deutlich weniger als noch vor ein, zwei Jahren. „Viele Kinder sind einfach nicht mehr gekommen, haben sich nicht einmal abgemeldet. Das hat dazu geführt, dass wir kaum noch zweite Mannschaften aufbieten können“, so Trainer Thomas Holsten, der bei den Eltern eine Schlüsselfunktion sieht, wenn es um die Nachhaltigkeit des Hobbys ihrer Kids geht. „Wenn die Eltern keinen Bezug dazu haben, fehlt letztlich auch ein gewisser Druck, dabei zu bleiben“, findet Thomas Holsten, der sich bereits zu seiner aktiven Zeit in der Nachwuchsarbeit engagierte.

„Ich finde, es ist wichtig, junge Leute für die Trainingsarbeit zu begeistern und zu gewinnen. Die sollen einfach reinschnuppern und es eine Saison ausprobieren. Danach wachsen sie mit den Aufgaben“, bemerkt Holsten.

„Einige sind überfordert, andere unterfordert“

„Die Interessen der Jugendlichen sind vielfältig und damit ist bei uns an Leistungsfußball gar nicht zu denken. Es brechen immer mehr Kinder weg, die dann in den einzelnen U-Teams fehlen“, sagt Obmann Andreas Tietjen. Was für ihn auffällig ist: „Es gibt Spieler, die im Training und Spiel überfordert sind, andere wieder unterfordert“, sagt der Gnarrenburger. Das führe nicht selten dazu, dass Talente abwandern. „Der JFV A/O/B/H/H ist dann die angesagte Adresse. Dafür muss man Verständnis haben, denn schließlich genießen die Kinder und Jugendlichen dort eine gute Ausbildung. Wenn es dann am Ende nicht für höhere Aufgaben reicht, kommen auch gut ausgebildete Spieler zurück“, bemerkt Andreas Tietjen, der mit vielfältigen Problemen zu kämpfen hat. So fehlen auch bei der JSG Gnarrenburg unter anderem Betreuer und lizenzierte Trainer. Und die Unterstützung der Eltern lasse immer mehr nach. „Bei den Kleinen gibt es noch das Eltern-Taxi. Das ändert sich mit der C-Jugend, dann werden die Kids nur noch am Sportplatz rausgelassen. Der Fahrdienst muss von uns geregelt werden“, unterstreicht der Obmann, der nachschiebt: „Wenn die Jugendlichen 18 werden, lässt bei vielen der sportliche Ehrgeiz deutlich nach und andere Dinge haben Priorität. „Dann sind die guten Kumpels eher die angesagte Adresse“, betont Tietjen.

In Jahrgangsteams sieht er keine wirkliche Hilfe. „Wenn es zu leisten ist, wäre es nicht schlecht. Doch auf dem platten Land funktioniert das nicht, da fehlt einfach das Einzugsgebiet“, hebt Andreas Tietjen hervor.

Dennoch könne die JSG Gnarrenburg schon zur „Schatzgrube“ für die Muttervereine werden. Derzeit profitiert der TSV Gnarrenburg aus der 1. Kreisklasse davon. Zuletzt rückte ein kompletter Kader in die Herren, und ähnlich schaut es zum Ende der laufenden Saison aus. „Damit kann nicht nur die erste Mannschaft die Kader-Qualität verbessern“, so Tietjen.

Er hebt in diesem Zusammenhang die Verdienste von Trainer Dieter Lemmermann hervor. „Er engagiert sich seit vielen Jahren in der Nachwuchsarbeit und beendet zum Saisonende sein Engagement bei seiner U19. Doch er hat sich bereits ein neues U-Teams ausgeguckt und bleibt uns weiterhin erhalten“, freut sich Tietjen.

Beim Traditionsclub Bremervörder SC haben es die Verantwortlichen über Jahre nicht geschafft, eine kontinuierliche Nachwuchsarbeit auf den Weg zu bringen. Diverse Spieler sind unter anderem beim JFV Concordia oder A/O/B/H/H aktiv. Dabei hofft Vorsitzender Udo Engelke, dass die U14, die von Michael Meyer betreut wird, nicht auf der Strecke bleibt. „Ich bin mir sicher, dass Michael es schafft, seine Mannschaft bis in die U19 zu begleiten“, so Engelke.

Bremervörder SC fehlen Trainer und Betreuer

Meyer fühlt sich ein wenig wie ein Einzelkämpfer, agiert in seiner vierten Amtsperiode als Jugendobmann und engagiert sich seit 15 Jahren als Trainer. „Das Sportangebot für Kids und Jugendliche ist groß, da hat der Fußball längst nicht mehr die Priorität früherer Tage“, glaubt Meyer, der sich wünscht, dass die Familie mehr hinter dem Hobby ihrer Jüngsten stünden. „Einige zeigen großes Interesse, unterstützen und setzen auf eine gute Entwicklung“, sagt der 38-Jährige, der mit seiner U14 gut aufgestellt ist. „Wir haben einen Kader von 22 Spielern und alle ziehen super mit. Der Spaß steht ganz vorne an“.

Das würde sich der engagierte Bremervörder auch in den anderen U-Teams wünschen. Dort fehlen nicht nur die Spieler, sondern auch Trainer und Betreuer sind rar gesät. „Es ist ein endloses Herumfragen. Wenn ich Spieler aus der Herren anspreche und um Hilfe bitte, sind es zum Beispiel der Job oder das Studium, die eine Unterstützung unmöglich machen“, berichtet Meyer, der in der Winterpause die U16 aufgrund von Personalmangel abmelden musste. Auch die U13 stehe aktuell auf der Kippe. „Wir versuchen alles, doch es wird immer schwerer eine nachhaltige Nachwuchsarbeit zu betreiben“, sagt Michael Meyer. Vor allem weil ehrenamtliche Trainer fehlen…

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