Samstag, 15. Juni 2024

Gebürtige Kuhstedterin startet bei Olympia für Chile

Es ist wohl der Traum, der nur für die allerwenigsten Sportler in Erfüllung geht: Teilnahme an den Olympischen Spielen. Für die gebürtige Kuhstedterin Svenja Grimm geht dieser Wunsch in diesem Jahr erstmals in Erfüllung.

Grimm qualifizierte sich mit ihrem 13-jährigen Wallach Dr. Rossi bei den panamerikanischen Meisterschaften für das größte Sportfest der Gegenwart. Wenn Reiterin und Pferd in den nächsten Monaten gesund bleiben, werden sie am 30. Juli im Schlossgarten von Versailles bei der Dressur an den Start gehen. Allerdings startet die Amazone nicht für ihr Geburtsland Deutschland, sondern für ihre zweite Heimat Chile.
Dass Svenja Grimm eines Tages für den südamerikanischen Staat starten würde, stand bestenfalls in den Sternen über Kuhstedt. Zwar entdeckte sie bereits als Vierjährige die Liebe zum Reitsport und hatte das Glück, von der Familie von Helldorff betreut und gefördert zu werden, doch nach dem Abitur im Jahr 2009 und einem mehrmonatigen Auslandsaufenthalt in den USA und Südafrika wurden die Reitstiefel erst einmal an den Nagel gehängt.
Svenja Grimm war neugierig auf andere Länder
„Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich eigentlich nichts anderes gemacht. Alles in meinem Leben drehte sich um die Schule und den Reitsport – und das konnte noch nicht alles gewesen sein. Ich wollte andere Länder sehen und neues entdecken“, so die Olympiateilnehmerin rückblickend.
„Dadurch, dass ich ein Jahr unterwegs war, wollte ich an einer internationalen Universität studieren“, so die Reiterin, die sich letztlich für Amsterdam entschied und dort „International business und languages“ studierte. Ein Teil dieses Studiengangs beinhaltete auch einen mehrmonatigen Aufenthalt im Ausland. Svenja Grimm entschied sich für Chile, denn sie wollte eine weitere Sprache lernen.
Allerdings gestalteten sich die Anfänge um einiges schwieriger als erwartet. „Ich bin damals einfach ins Flugzeug gestiegen, bin nach einem sehr langen Flug in Chile gelandet, und musste zu meinem Erschrecken feststellen, dass mich niemand verstand.“ Doch die anfänglichen Schwierigkeiten waren schnell behoben und noch schneller lernte sie Land und Leute kennen und lieben. Auf die Zeit in Chile folgte ein Praktikum in Lima, ehe sie wieder Nordeuropa ins Visier nahm, nach Amsterdam zurückkehrte und dort ihr Studium beendete.
Ohne einen ganz festen Plan zu haben, entschied sich die junge Frau, nochmals nach Südamerika zu reisen und die Menschen zu treffen, denen sie schon während des Studienaufenthaltes begegnet war. Dort angekommen fand sie relativ schnell einen neuen Job in der Weinindustrie. Nach ersten Erfahrungen wechselte sie einige Monate später erneut die Branche und machte als junge Exportmanagerin den nächsten großen Karrieresprung.
„Ich war zu der Zeit weltweit unterwegs und hatte so etwas wie meinen Traumberuf gefunden. Damit hatte ich mich irgendwie für Chile entschieden. Also habe ich mich umgeschaut, ob ich nicht auch wieder reiten kann. Als ich die ersten Kontakte geknüpft hatte und wieder im Sattel gesessen habe, habe ich gespürt, dass das der Teil war, der gefehlt hat“, so die 33-Jährige über den entscheidenden Richtungswechsel in ihrem Leben.
Relativ schnell machte sich die junge Sportlerin in chilenischen Reiterkreisen einen Namen. Und nicht nur das. Sie lernte Mario Vargas, selbst ein erfahrener Grand-Prix-Reiter, Trainer und Züchter, kennen und schmiedete gemeinsam mit ihm Zukunftspläne. Zunächst pendelte sie zwischen Reitanlage und Job, doch mehr und mehr zeigte sich, dass die beruflichen und sportlichen Ansprüche auf Dauer nicht miteinander zu vereinbaren waren.
„2017 war der berühmte Punkt erreicht und ich wusste, ich muss mich für den Beruf oder die Profikarriere entscheiden“, so Grimm. Fast ein Jahr schob sie die finale Entscheidung auf, doch dann war es so weit. „Es gab diese berühmte Sekunde und von da an wusste ich, dass meine berufliche Zukunft die Reiterei sein würde. Ich will meinen Traum leben, erfolgreich sein und Medaillen gewinnen. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch. Wenn ich etwas mache, dann mache ich es ganz oder gar nicht. Alles andere bringt nichts“, sagt Svenja Grimm rückblickend über ihre bislang wichtigste Entscheidung.
Ermutigt wurde sie dabei von Mario Vargas. „Es klingt schon ziemlich verrückt, aber Mario sagte mir: Gib mir fünf Jahre Zeit und ich mache dich zur Grand-Prix-Reiterin.“ Der erfahrene Trainer sollte recht behalten. Vor knapp einem Jahr feierte die Amazone aus Norddeutschland ihren ersten ganz großen Erfolg bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde im niederländischen Ermelo.
Der Durchbruch gelang ihr dann im Herbst vergangenen Jahres. Nach einem langen und scheinbar nicht enden wollenden bürokratischen Marathon mit deutschen und chilenischen Behörden erhielt sie Mitte 2023 endlich die ersehnte zweite Staatsbürgerschaft und war damit startberechtigt für die panamerikanischen Meisterschaften, die praktisch vor der Haustüre ihrer zweiten Heimat, in Santiago de Chile, ausgetragen wurden.
Diese Chance ließ sich Svenja Grimm nicht entgehen. Mit Dr. Rossi schaffte sie mit 78 Prozent den Sprung auf den 8. Platz und hatte damit die Fahrkarte für Paris in der Tasche.
Obwohl die Olympiade erst Ende Juli beginnt, reist Svenja Grimm mit ihren Pferden bereits im März nach Amsterdam, wo sie sich intensiv auf ihre bislang größte sportliche Herausforderung in ihrer Karriere vorbereitet. Geplant ist unter anderem die Teilnahme an drei internationalen Turnieren. Wenn möglich, gibt sich Svenja Grimm auf dem Hof Kasselmann und beim CHIO in Aachen ein Stelldichein mit anderen Elite-Sportlern, ehe sie sich dann im Schlosspark von Versailles mit den 60 besten Dressurreitern der Welt misst.
Und ihre Prognosen? „Mein Fernziel lautete eigentlich Los Angeles 2028. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass ich mich für Paris qualifizieren könnte. Umso größer ist natürlich die Freude, dass ich dabei bin“, so Svenja Grimm, die in ihrem Gastland bereits zu den Ausnahmesportlern gehört, denn bislang haben sich erst zehn Athletinnen und Athleten für die Olympiade qualifiziert.
Zwar hat Svenja Grimm in Chile mittlerweile eine zweite Heimat gefunden, doch ihrer norddeutschen Heimat fühlt sie sich weiterhin sehr verbunden. „Ich versuche schon, zwei- bis dreimal im Jahr meine Familie zu besuchen. In Kuhstedt bin ich für meine mentale Pause. Dort komme ich wirklich immer sehr gut zur Ruhe und lade meine Batterien wieder auf. Es ist mein Rückzugsort“, so die Olympionikin. Im Vorfeld der Olympiade sei aber kein weiterer Besuch in der alten Heimat geplant. Stattdessen freue sie sich auf Besuche während ihres Aufenthaltes in den Niederlanden. „Nach Norddeutschland zu reisen, ist jetzt vor den Olympischen Spielen ziemlich schwierig. Deshalb sage ich Freunden und Familien immer, es wäre viel leichter, wenn sie mich in Holland besuchen. Dann kann ich morgens reiten und nachmittags Zeit mit ihnen verbringen“, so die Olympiateilnehmerin.

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